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Der gute Geist von Sólheimasandur

Nun ist es fast auf den Tag genau ein Jahr her, als ich eines der bislang größten Fotoabenteuer auf Island erleben durfte. Ein Paar Tage zuvor hatte ich einen der schönsten Berge auf Island aufgesucht, den Kirkjufell. Es war der erste Tag nach meiner Ankunft auf Island. Alleine die Fahrt dort hin war atemberaubend. Mitten in der Nacht ging es los. Ich fuhr im Leihwagen von meiner ersten Unterkunft in Islands Hauptstadt Reykjavik in Richtung Westen. Der Sonnenaufgang den ich an diesem Morgen erleben durfte war atemberaubend. Der Himmel färbte sich in verschiedenste Pastelltöne, die ich so bei einem Sonnenaufgang noch nie zuvor gesehen habe. 

 

In der Nähe des Berges Kirkjufell liegt ein kleiner Wasserfall. Hier sollte es zuerst hingehen. Als ich den Wagen am kleinen Parkplatz abgestellt habe, lief ich nun einen mit Schnee und Eis bedeckten Weg, entlang zu diesem idyllischen Platz. Da ich mein Equipment nich im Auto zurück lassen wollte, hatte ich alles dabei, gut verstaut im Rucksack. Es waren nur wenige Touristen dort und ich konnte schnell die ersten Bilder machen. Der Ausflug in den Westen der Insel hat sich jetzt schon gelohnt. Und dann nahm das Unheil seinen Lauf.

 

Mountain Kirkjufell im Südwesten von Island
Mountain Kirkjufell im Südwesten von Island

Ich hatte genug Foto geschossen und beschloss mich wieder auf den Weg zum Auto zu machen. Eigentlich war der Weg nicht besonders steil, trotzdem nutzte ich mein Stativ als Wandstock und Gehhilfe. Auf einem kleinen abschüssigen Vorsprung fand ich halt auf einer kleinen mit Schnee bedeckten Kuppe, so dachte ich zumindest. Was ich nicht erahnen konnte, unter dem Schnee war blankes Eis und es kam wie es kommen musste. Ich rutschte weg und fiel dabei auf meinen linken Fuss. Mit dem gesamten Gewicht meines Alabasterkörpers, zusammen mit den vielen Kilos meines Rucksackes. Ich konnte ein sehr lautes "Knack-Geräusch" und einen gellenden Schmerz im Fuss wahrnehmen. Die falsche Diagnose im Krankenhaus und lange schmerzhafte Nacht überspringe ich an dieser Stelle. Fakt war, dass die Bänder vom Sprunggelenk gerissen waren. Erstaunlicherweise waren die Schmerzen im Fuss gar nicht so groß, wenn ich Ihn gleichmäßig belastete. 

 

Ein paar Tage später. Eigentlich war der Tag schon beendet. Ich bin im Hotel angekommen, es ist kurz vor 20 Uhr und es regnet Bindfäden. Trotz der vielen Eindrücke des Tages will ich aber noch nicht abschliessen und denke an das Flugzeugwrack ganz in der Nähe. Ich hatte schon viele Fotos von dem alten 1973 abgestürzten US-Flugzeugs gesehen und wollte auf jeden Fall dort hin. Aber jetzt, alleine, in der Nacht? Ob mein Fuss das überhaupt mitmachen würden? Was wenn es weiter so stark regnet? Würde ich es in der Dunkelheit überhaupt finden? 

 

Kurzentschlossen schnappe ich mir die Kamera und ziehe nochmals los. Die Absturzstelle des alten Militärflugzeugs ist nur zu Fuss zu erreichen. Als ich an dem Punkt an der Hauptstrasse ankomme, ist die Zufahrt für Autos bereits zugebaut und nur ein Fussmarsch könnte mich dem Objekt meiner Begierde näher bringen. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich nicht, dass es 8 km vom Parkplatz bis zum Wrack sind.

 

 

Schwarzer Lavastrand im Südosten von Island
Schwarzer Lavastrand im Südosten von Island

Es ist mittlerweile stockfinster aber der Regen hat nachgelassen. Auf dem verlassenen Parkplatz erkenne ich in dem sehr fahlen Licht nur noch die Umrissen von zwei weiteren Autos. Nicht mehr viel los um diese Zeit denke ich mir. Die Situation ist ein bisschen unheimlich und ich kann mir vorstellen was meine Frau und vielleicht einige von Euch denken mögen. Beflügelt von Gedanken was ich verpassen könnte, wenn ich nicht ging, ziehe ich in die Dunkelheit.

 

Der Weg ist nur eingesäumt von ein paar Holzpfählen, die das Licht meiner Stirnlampe reflektieren. Der Wind ist kräftig und pfeift. Was, wenn jetzt irgendwelche Tiere hier auftauchen? Also jetzt nicht Hasen oder so, sondern vielleicht eine Herde von Rentieren, wie ich Sie am Morgen gesehen hatte. Gibt es eigentlich Wölfe auf Island? Eigentlich gibt es hier nur schwarzen Lavasand, der vermutlich nicht sehr attraktiv für wilde Tiere ist. Plötzlich tauchen in der Dunkelheit zwei Gestalten vor mir auf. Mir ist schon ein bisschen mulmig zu mute. Die Beiden erweisen sich ebenfalls als Fotofreunde, grüßen freundlich und ziehen weiter. Der Weg scheint schier endlos zu sein. Der Regen hat wieder angefangen und wird stärker. Ich orientiere mich an den Begrenzungspfählen und leuchte immer wieder die Umgebung mit meiner Taschenlampe ab - Nichts ausser schwarzer Lavasand.

 

Dann sehe ich, dass es keine Begrenzung mehr gibt. Nach einer gefühlten Ewigkeit spüre ich, dass es jetzt nicht mehr weit sein kann. Da, in der Dunkelheit taucht Sie dann endlich auf, die alte DC3. Es ist ja nicht mehr viel von Ihr übrig aber nach und nach erkenne ich die abgesägten Flügel und den Rumpf mit seinen Fenstern und der Tür, also das was davon noch über ist - ich bin überwältigt. Ich schaue mir die Maschine in der Dunkelheit sehr genau an und werfe auch einen Blick ins innere der Maschine. In solchen Momenten frage ich mich gerne, was an dieser Stelle schon alles in der Vergangenheit passiert ist und welche Ereignisse die Maschine wohl davon erzählen könnte.

 

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich die Geschichte vom heroischen Leutnant Gregory Fletcher noch nicht. Das Wetter am 21. November 1973 änderte sich schlagartig und die Temperatur fiel auf -10 Grad. Die Vergaser der alten Maschine versagten und begannen Eis einzusaugen. Um ein Zerschellen der Militärmaschine an Islands größten Gletscher zu verhindern, beschloss der erst 26-jährige auf dem Meer zu landen. Als das Flugzeug, bei dem beide Triebwerke ausgefallen waren, in etwa 750 Meter Höhe die Wolkendecke durchbrach, entschied Leutnant Fletcher den schwarzen Sandstrand als Landebahn zu nutzen und rutsche 30 Meter über die Sanddünen, bevor er das Flugzeug sechs Meter vor dem Wasser endlich zum stehen brachte. Alle Insassen überlebten den Absturz.

 

Schnell ist das etwa 15 Meter lange Wrack erkundet und ich fange an die eigens dafür besorgten LED - Lichterketten anzubringen. Der Wind pfeift und irgendwo klappert ein Teil des alten Flugzeugs. Es ist gespenstisch. Als ich dann meine Vorbereitungen beendet habe, nehme ich meine Kamera und gehe raus. In diesem Moment strahlt ein Polarlicht am Himmel. Erst grün, dann in gelb wechselnd. Wie eine große Woge bewegt es sich und ist wunderschön anzusehen. Nach ein paar Sekunden ist es wieder weg. Wow, ich bin total berührt. Beflügelt von dem Moment starte ich meine Fotoaufnahmen, natürlich in der Hoffnung das Flugzeug und vielleicht ein Polarlicht gleichzeitig einfangen zu können. Leider blieb es die einzige Polarlicht-Erscheinung in dieser Nacht. Ich habe dann unzählige Fotos gemacht, bevor ich mich wieder auf den beschwerlichen Rückweg begeben habe.

 

Voller Eindrücke und unbeschreiblicher Gefühle bin ich zum Auto zurückgekehrt. Es war mittlerweile weit nach Mitternacht und ich bin froh, dass ich dieses unglaubliche Abenteuer angetreten bin. Auch ein Jahr nach dieser aufregenden Nacht, bin ich immer noch geflasht.

 

Fotografie: Aus technischer Sicht war ich im Nachhinein von der Bildqualität des Sigma 35 mm f/1,4 Art Objektives mehr als begeistert. Ich hatte schon zuvor die Stärken diese Objektives kennengelernt. Es ist natürlich sehr lichtstark aber es gehört zu den schärfsten Objektiven die habe. Es gab fast kein Licht am Flugzeugwrack und trotzdem hat das Objektiv in einer Detailschärfe abgebildet die atemberaubend ist. 

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